Курорт Пятигорск – Relaxen am Fuße des Kaukasus

Seit ein paar Tagen bin ich nun mit meinem Freund und Kollegen Fritz in Pjatigorsk, einem 200.000 Einwohner zählenden Ort am nördlichen Rand des Kaukasus. Der Name der malerisch zwischen fünf Gipfeln gelegenen Stadt leitet sich aus “Besch-tau” ab. Das bedeutet in den Turksprachen, die im Kaukasus weit verbreitet sind, “fünf Gipfel”. Übertragen ins Russische heißt es “Pjati gor” woraus sich der Name der Stadt ableitet. Bekannt ist die gesamte Region für ihre Heilquellen schon seit Jahrhunderten. Vor gut 200 Jahren entstand während der Zarenzeit das erste Badehaus.

Rasch entwickelte sich der Ort zu einem beliebten Kurort (russisch: Курорт). Der deutschstämmige Arzt Fjodor Hass entdeckte hier die Elisabethenquelle, die fortan zu Heilzwecken genutzt wurde. In der Folge wurden weitere Heilquellen medizinisch nutzbar gemacht. 1830 erlangte die Stadt offiziell den Status eines Kurbads und erlangte in ganz Russland einen hohen Bekanntheitsgrad.

Unwiderruflich ist Pjatigorsk mit dem Dichter Michail Lermontow und den Schweizer Bernardazzi-Brüdern verbunden. Lermonotow ist noch heute einer der beliebtesten Dichter Russlands und viele Sehenswürdigkeiten der Stadt tragen seinen Namen. Er verbrachte die letzten Monate seines Lebens in der Stadt an dem kleinen Flüsschen Podkumok. Pjatigorsk wird auch oft als die “Stadt Lermontows” bezeichnet, der hier 1841 im Alter von nur 27Jahren bei einem Duell starb. Auch die Bernardazzi-Brüder, zwei Schweizer Architekten, haben sich überall im alten Teil des Stadtgebiets verewigt. Sie planten einige der Badehäuser im klassischen Stil, das Gebäude, in dem das Institut für Kurologie untergebracht ist und auch diverse Parkanlagen, die in Pjatigorsk zahlreich vorhanden sind.

Auch nach der Machtübernahme der Bolschewiken wurde die Kurbad Infrastruktur weiter ausgebaut. Es entstanden viele neue Sanatorien, Badehäuser und weitere Heileinrichtungen. Während des Zweiten Weltkriegs erlebte Pjatigorsk eine seiner grausamsten Zeiten. Die Nazis besetzten den Ort, ermordeten einen Großteil der ansässigen Juden, schickanierten die Bevölkerung und fügten der Stadt auch sonst großen Schaden zu. 1943 wurde Pjatigorsk von den Nazis befreit doch es dauerte viele Jahre bis sich unter den Sowjets das Kurbad wieder erholte.

Wer heute den gemütlichen und erholsamen Kurort besucht stößt unweigerlich auf die sowjetische Zeit, die sich in ihrer typischen kühlen und rechtwinkligen Architektur ausdrückt. Trotzdem halten sich die großen Betonbunker im Vergleich zu anderen russischen Provinzstädten in Grenzen. Vor allem im alten Teil der Stadt am Fuße des Maschuk Berges finden sich viele ein bis dreistöckige sehr schön anzusehende Häuser im Stile der Kaukasusregion.

Eine der kulturellen und konsumorientierten Hauptschlagadern von Pjatigorsk ist die Prospekt Kirowa. In der Mitte der etwa 50 Meter breiten Straße befindet sich eine Art Fußgängerzone, die von vielen Restaurants, Kneipen und Geschäften gesäumt wird. Links und rechts wird sie von schönen alten Platanen begrenzt. Auf beiden Seiten der Fußgängerzone befinden sich die Fahrbahnen für den Autoverkehr. Auch für eine Straßenbahn, die hier schon seit über hundert Jahren fährt, ist noch Platz. Die Kirowa, wie sie liebevoll genannt wird, zieht sich über mehrere Kilometer schnurgerade durch den alten Teil der Stadt. Hier pulsiert das Leben, hier zeigt man sich, geht aus und kauft ein. Begrenzt wird die Kirowa von wunderschönen alten Häusern, nicht selten im klassischen Stil. In den Abendstunden führen junge Männer ihre aufgemotzten Ladas aus, aus denen die völlig überdimensiinierten Subwoofer und Bässe dröhnen.

Im Vergleich zu anderen russischen Städten ist Pjatigorsk eine sehr ruhige und relaxte Stadt. Kaum zu glauben, dass das Auswärtige Amt für dieses Gebiet eine gesalzene Reisewarnung ausgesprochen hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass man hier als Tourist aus dem Westen noch eine Attraktion ist. Denn Touristen aus anderen Ländern außer aus Russland findet man selten – außer vielleicht ein paar Alpinisten, die Pjatigorsk als Durchgangsstation zum Elbrus Gebirge nutzen. Auf jeden Fall sollte man ein wenig Russisch können und des Kyrillischen mächtig sein, denn englischsprachige Pjatigorsker und Speisekarten sind quasi nicht existent. Trotzdem haben die Menschen vor Ort eine unglaublich große Gastfreundschaft und versuchen weiterzuhelfen wo es nur geht. Notfalls mit Händen und Füßen.

Ein absolutes Muss für alle Freunde von gutem Essen, hausgemachtem Kuchen, Capuccino und gutem Cognac ist das Art-Café in der Kirowa. Es blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück und lädt zum Verweilen ein. Mit etwas Glück hat Alexeij gerade Dienst. Er spricht perfektes Englisch und ist ein Experte für lokale Cognacsorten. Man sollte unbedingt einen 20 Jahre alten Praskoveyskoe zu sich nehmen. Der ist zwar nicht günstig aber ein Genuss für den Gaumen. Gleich neben dem Art-Café befindet sich eine der besten Konditoreien mit über hundert hausgemachten Kuchen, Torten und anderen Leckereien. Was das Essen betrifft kommen Fans von Schaschlick auf ihre Kosten in Pjatigorsk. Es gibt unzählige Läden, die auf die leckeren Spiese spezialisiert sind. Es ist eine absolute kaukasische Spezialität und wird selbstverständlich auf dem Holzkohlegrill zubereitet.

Vor und nach dem Essen lädt Pjatigorsk zu unzähligen Spaziergängen ein. Es gibt wirklich viel zu entdecken. Sehr zu empfehlen ist auf jeden Fall, den Mount Maschuk zu besteigen oder mit der Seilbahn auf knapp 1000 Meter hochzufahren. Denn von dort oben genießt man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt und die Region. Bei gutem Wetter erblickt man am Horizont die immer schneebedeckten Gipfel des hohen Kaukasus.

Obwohl Pjatigorsk als einer der beliebtesten Urlaubsorte in Russland gilt wirkt es hier angenehm untouristisch. Das Leben ist so, als hätte man einfach zwei Gänge heruntergeschalten. Und trotzdem ist es eine sehr lebendige Stadt – ganz anders als das, was man sich in Deutschland unter einem Kurort vorstellt. Ein Höhepunkt ist sicher auch die allabendliche Lautsprechermusikvorstellung im Park unterhalb des Maschuk in der Nähe des Intourist Hotels. Zu musikalischen Größen wie Strauß, Boticelli und anderen tanzt hier der rießige Springbrunnen eine Choreografie.

Im Folgenden noch ein paar visuelle Eindrücke.

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