Fassungslos

Heute Morgen bin ich um 6 Uhr aufgestanden. Besonders früh für meine Verhältnisse. Ich wollte die Zeit vor Arbeitsbeginn nutzen um einen kleinen Artikel über den Kampf um die Symbole in der aktuellen Situation der Türkei zu schreiben. Wie momentan jeden Morgen checke ich erst einmal die neuesten Meldungen bei den Nachrichtensendern und in den sozialen Medien. Durch Zufall stoße ich gleich auf einen Livestream einer Nachrichtenagentur. Ich sehe den Ort an dem ich mich noch vor drei Tagen mit über hunderttausend friedlichen Regierungskritikern aufgehalten habe. Die Rede ist vom Taksimplatz und dem angrenzenden Gezi Park.

Friedliche Demonstranten am Taksimplatz.

(Friedliche Demonstranten am Taksimplatz)
 
 

Einblick in den Gezi Park.

(Einblick in den Gezi Park)

 

Ich traue meinen Augen nicht. Es schaudert mich bei dem, was ich sehe: dunkle und helle Rauchschwaden überall, Panzerfahrzeuge die Wasserwerfern und Hundertschaften der Polizei den Weg ebnen. Menschen, die von Wasserfontänen über den Boden gefegt werden. Mir gruselt. Es ist genau das eingetroffen, wovor man hier die größte Angst hatte. Auf die brutalste Art und Weise. Viel schlimmer noch als man es sich vorher vorgestellt hat. Die Polizei hat begonnen den Taksimplatz zu räumen.

Noch gestern Abend hatte Erdogan verkünden lassen er wolle am Mittwoch mit Vertretern des Protests gegen sich und seine Regierung sprechen. Hastig beginne ich in den unzähligen Kanälen zu recherchieren was gerade in Istanbul passiert. Die Nachrichtenlage ist verworren. Aus den sozialen Medien ist zu hören, dass tausende Polizisten unterwegs sind und mit brutaler Härte gegen die Menschen auf dem Taksim vorgehen. BBC gehört wie immer in diesen Tagen zu den Schnellsten der internationalen Medien, die vor Ort sind und berichten.

Schnell zeichnet sich ein Bild ab. Die Polizei hat den Befehl erhalten, die Atatürk Statue, das Atatürk Kulturzentrum und überhaupt den gesamten Platz von Symbolen, Transparenten und dergleichen zu säubern. Angeblich alles verbotene Symbole. Mehr wolle man aber nicht, sagt auch der Bürgermeister. Der Gezi Park und die Menschen, die sich darin seit zwei Wochen aufhalten, sollen laut seiner Aussage aber unangetastet bleiben. Das verbreitet angeblich auch die Polizei über Lautsprecherwagen. Jeder, der für das Gute in der Türkei eintritt solle sich vom Taksim entfernen. So verlautet es zumindest aus verschiedenen regierungsnahen Quellen. Im Verlauf des Vormittags meldet sich auch Erdogan zu Wort. Seine Geduld sei zu Ende. Der Platz sei kein Ort für Extremisten und Vandalen. Man könne nicht länger dulden was dort vor sich geht.

Im Verlaufe des Mittags stellt es sich dann als Lüge heraus, dass man den Gezi Park unangetastet lässt. Erste Hundertschaften stürmen den Park. Mit der Unterstützung von Tränengas in rauen Mengen. Selbstverständlich! Das gehört in diesen Tagen als polizeiliche Waffe dazu, nicht nur in Istanbul. Mir kommen die Gespräche mit meinen Istanbuler Kollegen von der Uni in den Sinn. Sie erzählten, wie sie nach einer nächtlichen Demonstration am nächsten morgen erst einmal Schuhe und Kleidung waschen mussten um den stechenden und beißenden Geruch wieder aus ihren Kleidern zu bekommen. Wieder und wieder gehen mir ihre Aussagen durch den Kopf. Sie erzählten davon wie es sich in den Augen und auf der Haut anfühlt, wenn man das Tränengas abbekommt. Auch von dem beklemmenden und den Atem beeinträchtigenden Gefühl, wenn man so eine Gasbombe abbekommt oder in eine Tränengaswolke gerät. Zitronensaft in die Augen träufeln und die Haut mit Milch abwaschen hilft angeblich dagegen. Erleben möchte ich es nicht. Überall in der Stadt kann man mittlerweile einfachen Mundschutz, Taucherbrillen und Gasmasken kaufen. Der Markt reagiert bekanntlich schnell. Die Situation löst aber auch Beklemmung aus. Zumindest bei mir.

Auch an all die verschiedenen Menschen, mit denen ich im Gezi Park gesprochen habe muss ich plötzlich denken. Die junge Frau zum Beispiel, die eine Bibliothek im Park mitorganisiert. Das ehemalige türkische Gastarbeiterehepaar aus Deutschland, das meinen Kollegen und mich angesprochen hat und fragte, wie das hier alles auf uns wirkt. Die Studentin, die ich nach den Absichten der Protestierenden befragte. Der Aktivist bei dem ich ein T-Shirt mit dem Protestmotto Boyun Eğme (Beuge dich nicht) kaufte. An den Sohn meines Kollegen, der sich zum ersten Mal überhaupt in seinem Leben an Demonstrationen beteiligt. An all die anderen Menschen und ihren großen Mut.

 

Spontan organisierte Bibliothek im Gezi Park.

(Spontan organisierte Bibliothek im Gezi Park)
 

Künstlerische Darbietungen an vielen Ecken im Gezi Park.

(Künstlerische Darbietungen an vielen Ecken im Gezi Park)
 
 
Gezi Park Radio.(Gezi Park Radio)
 
 
Was auf dem Banner zu lesen ist wollen die meisten hier im Park.(Was auf dem Banner zu lesen ist wollen die meisten hier im Park)
 

Menschenmeer im Gezi Park.

 (Menschenmeer im Gezi Park)
 

 

Folgt man den Aussagen des Regierungslagers und seinen Anhängern handelt es sich bei all diesen Menschen um Vandalen, Extremisten und Terroristen. Selbst die Sprache ist brutal in diesen Tagen. Am Abend sagt ein Abgeordneter der Regierungspartei im Telefoninterview, dass das einzige Ziel des Polizeieinsatzes sei, die Extremisten und Terroristen von den friedlichen Protestierenden zu trennen. Das klingt schon fast zynisch an einem Tag an dem die Polizei mit höchster Gewalt zuschlägt. Selbst eine Gruppe von über 70 Anwälten wurde im Hauptgerichtsgebäude verhaftet. Sie wollten dort Protest gegen das überharte Eingreifen der Polizei einlegen.

„Nein, Herr Erdogan, das kann’s nicht sein!“, denke ich mir.

Das Bild sagt alles.

 (Ohne Worte – das Bild sagt Alles)
 

Wieder und wieder denke ich über seine Aussage nach, dass es sich bei vielen der Protestierenden um Vandalen, Extremisten und Terroristen handelt. Was habe ich denn selbst im Gezi Park und auf dem Taksimplatz gesehen? War es eine Illusion? Ein Hirngespinst?

Nein, ich lasse mir das von Herrn Erdogan sicher nicht einreden. Es ist die Rhetorik der Macht. Er möchte es nicht sehen. Denn er würde eine überwältigende Mehrheit friedlicher Menschen sehen. Die Ideen haben, sich nicht bevormunden und in ihren Bürgerrechten einschränken lassen wollen. Auch eine Revolution wollen sie nicht – zumindest haben mir das viele erzählt. Auch einen gewaltsamen Umsturz fordern nur wenige. Und die Rede vom Türkischen Frühling wollen die meisten auch nicht hören. Das sind Diskurse, die von Außen hereingetragen werden. Die Situation in der Türkei ist eine ganz eigene, nicht zu vergleichen mit dem, was in Ägypten oder Tunesien passiert ist. Die Menschen wollen einfach leben, mit den Freiräumen, die zu einem schönen Leben dazugehören. Sie wollen sich nicht diktieren lassen wie viele Kinder sie zu bekommen haben oder unter welchen Bedingungen sie Alkohol trinken dürfen oder nicht. Sie wollen ein laizistisches Bildungssystem. Sie wollen einfach frei sein.

Mir ist klar, dass das alles hier sehr verkürzt dargestellt ist. Die Situation ist viel komplexer. Es gibt derzeit nicht das eine und das andere Lager. Nicht die eine Wahrheit. Vielleicht ist es auch anmutend, das hier alles so aufzuschreiben. Aber in meinem Gefühl der Fassungslosigkeit bleibt mir nichts anderes übrig. Wäre ich nicht vor Ort gewesen würde ich vielleicht anders denken, wäre uninformierter. Nicht so emotional aufgeladen. Fassungslos!

Aber es ist wie es ist und deshalb schrieb ich diese Zeilen. Verändern werden sie nichts! Das ist auch gar nicht mein Anspruch. Aber es hilft mir meine Gedanken zu ordnen, das Erlebte zu verarbeiten. Vor allem aber möchte ich all denen, von denen ich so viel über ihren Protest erfahren durfte, meine Solidarität und mein Mitgefühl aussprechen – und natürlich auch allen ihren Mitstreitern!

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