Gezi Park – Tag 6

„Do you understand Turkish?“ fragt mich die junge Frau und reicht mir einen überdimensional großen Flyer. „No“, antworte ich ihr und frage, ob sie mir erklären möchte was auf dem Papier zu lesen ist. Sie erzählt mir, dass die wichtigsten Ereignisse aufgelistet sind. Auch die Gründe für den Aufstand, den die Türkei gerade erlebt. „Es sind die bedeutungsvollsten Proteste der letzten Jahrzehnte“, erzählt mir ein anderer.

Ich befinde mich mitten im Gezi Park. Es ist der Ort wo der Aufstand vor gerade mal sechs Tagen begonnen hat. Erst war es ein lokaler Protest von Istanbulern die sich dagegen wehrten, dass die kleine Grünfläche unweit des Taksimplatzes einem Einkaufszentrum und Wiederaufbau einer alter Wehranlage weichen sollte. Doch schnell ging es um weit mehr als ein paar Bäume. Wie ein Lauffeuer breitete sich der Protest auf fast alle türkischen Provinzen aus. So wie ich es erlebe ist es längst ein Aufstand einer Generation, die die diktatorischen Mittel der Regierung Erdogan satt hat. Die Forderung ist klar: der Ministerpräsident soll zurücktreten.

Doch dieser, gerade auf einem Auslandbesuch in Nordafrika, lässt von dort verlautbaren, dass er fest entschlossen ist. In seinen Augen seien die Aufständischen Extremisten, denen man kein Gehör schenken dürfe. Die Rhetorik passt in keinster Weise zu dem, was ich hier erlebe. Die Menschen haben sich friedlich erhoben. Mit einer beeindruckenden Dynamik. Im Gezi Park und am angrenzenden Taksimplatz bekomme ich Gänsehaut. Zugleich berühren mich der Mut und die Energie, die die Menschen hier aufbringen. Vor allem wenn ich bedenke, mit welcher Härte die Staatsmacht gegen sie vorgeht. Tränengaseinsatz, Schlagstöcke, Gummigeschosse. Offiziell gab es landesweit bereits zwei Tote und über zweitausend Verletzte – über Dunkelziffern kann man nur spekulieren.

„Sie kommen gerne nachts zwischen vier und fünf Uhr“, berichten mir einige. Gemeint ist die Polizei, die keine Gnade kennt. Die Bilder der Brutalität sind längst um die Welt gegangen. Die türkischen Medien tun sich bisher aber schwer das zu zeigen, was hier passiert. Und das, obwohl die überwältigende Mehrheit friedlich ist. Sogar den Müll, den die vielen tausend Menschen, die hier Tag und Nacht ausharren produzieren, entsorgen sie selbst. Abermals sehr beeindruckend. Für mich aber auch ein schönes Symbol dafür, wie ernst es die Leute meinen.

Ich gewinne den Eindruck, dass sich die Menschen hier nicht mehr vertreiben lassen bis Erdogan zurückgetreten ist. Gleichzeitig befällt mich die Angst, dass der Tag kommt, an dem die Polizei den symbolträchtigen Ort mit Gewalteinsatz einfach räumt.

Schon morgens im Gespräch mit Kollegen an der Uni spüre ich, dass die Menschen in der Stadt am Bosporus derzeit nur ein Thema umtreibt. An vielen ihrer Bürotüren steht „Erdogan kündigen“. Jede freie Minute nutzen sie um im Park zu sein. Zeigen, dass sie da sind und dass sie nicht alleine sind. Dass sie ihr Recht wahrnehmen, friedlich das zu äußern, was ihnen wichtig ist. Ein schöner Part in der völlig kapitalisierten Innenstadt. Eine freie Gesellschaft. Gleichberechtigung. Eine tiefe Solidarität. Das sind nur einige der Motive, die vor allem jungen Menschen in der ganzen Türkei gerade antreiben.

„Is there a special website or forum where I can find out more?“, frage ich die junge Frau, die mir den überdimensional großen Flyer in die Hand drückt. „No!“, sagt sie und fährt fort: „There is no special group or forum! There is no hierarchy! It’s just our protest. Stay here, talk to the people and support us! Than you will learn the most important about what we want!“

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Soweit auf die Schnelle meine Eindrücke des Tages.

Gezi Park 1

Gezi Park 2

Gezi Park 4

Gezi Park 5

Gezi Park 6

Gezi Park 7

Gezi Park 8

Gezi Park 9

Gezi Park 10

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