In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?

Mithat Gedik kann einem wirklich leid tun! Da hat es der 33-jährige Familienvater aus dem westfälischen Sönnern mit seiner Treffsicherheit allen gezeigt und wurde Schützenkönig der Schützenbruderschaft St. Georg. Selbst Ultrakonservative mit ihren assimilations-diktatorischen Integrationsvorstellungen dürften bei Gedik ein Leuchten in den Augen haben. Er ist verheiratet mit einer katholischen Deutschen und hat vier Kinder. Abitur hat er und leitet die Niederlassung eines großen Unternehmens. Wie man dem fulminanten Presseecho entnehmen kann ist er auch im Dorfleben bestens “integriert”. Auch bei der freiwilligen Feuerwehr macht er aktiv mit.

Nun soll er aber seinen Titel des Schützenkönigs zurück geben – zumindest wenn es nach dem Bund Historischer Deutscher Schützenbruderschaften (BHDS) geht. Das Problem: er ist Muslim und nicht katholisch. Die steinzeitlichen Vorstellungen und die Entstehungsgeschichte der Schützenbruderschaften reichen zurück bis ins Mittelalter. Im 18. Jahrhundert gingen diese einen Bund mit der Kirche ein. Bis heute vertreten sie eine erzkonservative Einstellung und sehen sich als Wächter über Sitten, Glaube und Heimat. Der BHDS, zu dem auch die Schützenbruderschaft St. Georg aus Sönnen gehört, sieht sich auch heute noch als ein christlicher Bund. Da haben Muslime keinen Platz. So steht es sogar in der Satzung des Vereins.

Gerade noch hat sich die ganze Nation über die bunte Truppe von Jogi Löw gefreut weil diese nach vielen Jahren wieder den WM-Pott nach Deutschland geholt hat. Vom Integrationsvorbild Deutschland war vielerorts die Rede – wenngleich ich es ablehne, immer dann von Migranten zu schwärmen, wenn diese gerade mal wieder erfolgreich waren. Man sollte genauso hinter ihnen stehen, wenn es nicht um positive Storys geht. Aber seis drum, denn das ist eine andere Diskussion. Ich bin wahrlich kein Fan von Schützenvereinen und wer irgendwo Schützenkönig wird ist mir wirklich egal. Aber dass man Mithat Gedik jetzt den Titel des Schützenkönigs entziehen, ihn gar aus dem Verein ausschließen will weil dieser ihn qua seiner Statuten gar nicht hätte aufnehmen dürfen, das ist ein SKANDAL.

Ich dachte wir leben im 21. Jahrhundert. Dass es in Deutschland immer noch solch archaische Strukturen gibt macht mich wütend – gerade auch deshalb weil wir selbst oft Weltmeister darin sind, andere wegen ihrer archaischen Lebensweisen zu diskreditieren. Noch ist nicht entschieden, wie es für Mithat Gedik ausgeht aber er selbst bleibt gelassen und wünscht sich eine Debatte über das Problem. Ich würde einen Schritt weitergehen und fordern, dass Vereinigungen mit derart diskriminierenden Ansichten das Vereinsrecht entzogen werden muss – genauso, wie man das ja landauf landab von radikalen Organisationen jedweder Couleur im politischen Diskurs permanent fordert. Vor allem, und da pflichte ich Mithat Gedik bei, braucht es in diesem Land eine Debatte ums Miteinander. In dieser sollten all die Sarazins, Ultrakonservativen, Rechtsradikalen und sonstigen Hardliner keine Diskursmacht mehr haben.

Zum Schluss frage ich mich bei dieser Geschichte, nach all der Wut, die sie bei mir hervorruft, in welchem Jahrhundert wir eigentlich leben?

 

Hier noch ein paar Verweise zum weiterlesen:

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